Wetterfahne und Turmkugel
Zuoberst auf dem Kirchturm leuchtet eine goldene Kugel und darüber dreht sich eine Wetterfahne. Letztere ist auf beiden Seiten verziert: auf der einen Seite mit dem Ortsnamen «Stein» und sechs Sternen; auf der anderen Seite mit der Jahreszahl «1896» und ebenfalls sechs Sternen. Sowohl die Inschriften wie auch die Sterne sind goldfarben gefasst. Wahrscheinlich wurde die Fahne im Jahr 1896 ersetzt oder restauriert.

Unsere Kirche trug von Anfang an ein Fähnchen und eine Kugel auf ihrer Turmspitze; alte Abbildungen zeugen davon. Die Kugel hat nicht nur die Funktion einer Verzierung, sondern sie dient auch als so genannte Zeitkapsel. Wegen ihrer Unzugänglichkeit in luftiger Höhe gelten solche Kapseln als sicherer Aufbewahrungsort für historische Zeugnisse, die man der Nachwelt überliefern möchte.

Wetterfahne

Die Zeitkapsel
Durch das Einschlagen eines heftigen Blitzes am 29. Juli 1864 in den Kirchturm wurden die in einer Flasche in der Kugel deponierten Urkunden zerstört. Die Urkunden datierten von 1749, dem Jahr der Gemeindegründung und des Kirchenbaus, und von 1822, in welchem Jahr die Kirche renoviert worden war (Appenzellische Jahrbücher, Bd. 8, 1866, S. 192). Ob bei der Wiederherstellung neue Dokumente in die Kugel gelegt wurden, entgeht meiner derzeitigen Kenntnis. Jedenfalls wurde die Kugel rund hundert Jahre später, im Zusammenhang mit der Aussenrenovation von 1969, restauriert und neu bestückt. Der zuständige Bauausschuss unter der Leitung von Alfred Stricker-Sturzeneg-ger notierte in einem Protokoll: «Die Turmkugel ist in Kupfer gearbeitet. Demzufolge lohnte sich eine Neuvergoldung. Dokumente waren in ihr nicht vorhanden. Der Aktuar wird beauftragt Dokumente mit Bezug auf die Renovation und das Dorfleben zu sammeln und diese in einer Kupferkassette in der Kugel aufzubewahren.» (Protokoll vom 18. Juli 1969)

Als im Jahr 2007 wiederum eine Renovation vorgenommen wurde, holten Fachleute die Kugel Mitte April 2007 vom Turm herunter. An der Kirchgemeindeversammlung vom 22. April 2007 wurde ihr Inhalt präsentiert: «Nach dem nun alle ausreichend auf die Folter gespannt worden waren, öffnete Präsident Urs Hugener die Büchse, welche sich in der Turmkugel befunden hatte. Sie enthielt unter anderem eine kleine Film- oder Tonbandrolle, das Behördenverezichnis von 1969, verschiedene Jubiläumsschriften, eine Zeitung, Fotos, Pläne und den Bericht über die Aussenrenovation 1969.» (Steinzeit Nr. 50, 9. Jg, Juni 2007) Bei den Jubiläumsschriften handelte es sich um die Broschüren 100 Jahre Turnverein Stein und 100 Jahre Feuerwehr. Bei der Tonbandaufnahme, welche Gallus Media St.Gallen auf einen neuen Tonträger überspielte, handelt es sich um ein Interview mit alt Regierungsrat Alfred Stricker-Sturzenegger vom 26. Mai 1968 im Schweizer Radio. Die Kugel wurde nicht nur neu vergoldet, sondern auch neu bestückt, laut Absichtserklärung der Kirchenvorsteherschaft mit der aktuellen Steinzeit-Nummer, der aktuellen Jahresrechnung der Kirchgemeinde, Fotos von der KIVO und vom Dorf, einer Handwerkerliste und eventuell einem Natel (KIVO-Protokoll vom 19. Juni 2007). Am 3. Juli 2007 wurde die Kugel dann wieder an ihrem bisherigen Platz montiert.
>Tonaufnahme vom 26. Mai 1968


Geschichte der Wetterfahnen
Wetter- und Windfahnen sind bereits aus dem antiken Griechenland ums Jahr 100 vor Christus belegt. Im abendländischen Raum wurden sie zunächst vor allem an Schiffsmasten befestigt, später – wohl ab dem 11. Jahrhundert – auch auf Schlössern, Burgen, Rathäusern und Kirchen. Ihr Zweck war vor allem die Wettervorhersage, die man von der Windrichtung abgelesen hatte. Später, im Zuge der Entwicklung von Blitzableitern, diente die Spitze mit dem Fähnlein nun auch dieser Funktion.

Ein Hahn auf der Kirchturmspitze wie in Haslen
Viele Kirchen haben statt eines Fähnleins auch ein Kreuz oder einen Hahn auf der Turmspitze, wobei Hähne auch auf katholischen Kirchen zu finden sind. In unserer Umgebung trägt die katholische Kirche Haslen ein Kreuz und die evangelische Kirche in Appenzell einen Hahn. Der Hahn galt schon zu biblischen Zeiten als besonders einsichtig, ja prophetisch, da er den Tagesanbruch vorausahnt (vgl. Hiob 38,26). Der Hahn wurde bald auch zu einem Symbol für Christus: Wie der Hahn das Ende der Nacht und den Anbruch des Tages ankündet und die Menschen aufweckt, so besiegt Christus die Nacht, die für Sünde und Tod steht, und erweckt zum Glauben und zu neuem Leben. Den Hahn verstand man aber auch als tägliche Mahnung, sich nicht nach dem Wind zu drehen, sondern wie Petrus – nach seinem Verrat an Christus – der christlichen Überzeugung treu zu folgen (Mt 26, 34.75) und wachsam zu sein (Mk 13,35), was um einen herum passiert, wie das zu deuten ist und wie man sich dazu verhält.  

Irina Bossart  im Februar 2021
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