Das Symbol vom Kreuz

Eine Konfirmandin hat mich gefragt, wieso das Kreuz zum weltweiten Symbol für das Christentum geworden ist. Es wäre doch auch ein geteiltes Brot denkbar gewesen oder eine helfende Hand. Diese Frage hat mich veranlasst, am Karfreitag 2021 über das Kreuz nachzudenken. Tatsächlich kann es befremden, wie aus einem Folterinstrument ein Zeichen des Glaubens werden konnte.

In der Steiner Kirche ist kein Kreuz aufgestellt. In Reformierten Kirchen findet sich traditionell weder ein Kreuz noch ein Kruzifix (von lateinisch cruci fixus, ans Kreuz geheftet); anders in katholischen oder auch in evangelisch-lutherischen Kirchen. Zwingli liess die Kirchen im 16. Jahrhundert unter Berufung auf das alttestamentliche Bilderverbot «Du sollst Dir kein Bildnis machen» von allen Bildern und unnötigen Gegenständen leer machen; er wünschte sich «gar helle Tempel» mit «hübsch wyssen Wänden». Nichts sollte vom verkündigten Wort ablenken.

In unserer Kirche lassen sich dennoch zahlreiche Kreuzesformen entdecken, allerdings erst auf den zweiten Blick: So etwa die gleichschenkligen Fensterkreuze in den Rundfenstern, das von Blumen umrankte gemalte Kreuz an der Stirnseite der Empore oder das eingeschnitzte Kreuz am Pultaufsatz des Abendmahlstisches.

Die Kreuzigung Jesu

Die Kreuzigung ist das historisch gesichertste Faktum von Jesu Leben; sie ist auch in ausserbiblischen Quellen bezeugt. In der damaligen römischen Provinz Palästina war die Kreuzigung eine typische Strafe für Aufständische und Sklaven; römische Bürger wurden nicht gekreuzigt. In den Augen der Römer galt Jesus als politischer Aufwiegler. Vor diesem Hintergrund steht das Kreuz für einen politisch motivierten Justizmord. Die Kreuzigung war eine schändliche und besonders qualvolle Hinrichtungsart.

Ein Schandmal

Das Kreuz war für die Anhängerinnen und Nachfolger von Jesus zunächst ein Schandmal, ein Zeichen des Scheiterns ihres Lehrers und damit des Scheiterns ihrer Bewegung; es war Ausdruck der Vernichtung ihrer Hoffnung. Doch die Auferstehungserfahrung warf bald ein neues Licht auf das Kreuz. In der Urkirche setzte ein intensives Nachdenken über die theologische Bedeutung des Kreuzes ein. Vorerst wurde es aber in der Öffentlichkeit nicht dargestellt; anfängliche Symbole waren der Fisch, der Anker oder das Lamm.

Ältestes Kreuzigungsbild

Die älteste bekannte Kreuzigungsdarstellung ist ein Spottkreuz in Rom. Das in Stein eingeritzte Graffiti wurde 1856 bei Ausgrabungsarbeiten auf einem antiken Schulgelände auf dem Palatin entdeckt. Datiert wird es ins Jahr 200 nach Christus.

Wir sehen den Gekreuzigten mit einem Eselskopf. Daneben steht ein Junge, die Hände zum Gebet erhobenen. Die kommentierenden Worte lauten: «Alexamenos betet seinen Gott an». Ganz offensichtlich verspottet hier ein Schüler seinen christlichen Kameraden. Ein Zeugnis für Mobbing, bevor es den Begriff dafür gab. Spott über einen Hilflosen am Kreuz, Spott über einen andersdenkenden Mitschüler, einen Christen, damals noch Angehöriger einer Minderheit im römischen Reich.

Siegeszeichen und Bekenntnis

Seit Kaiser Konstantin, der im Zeichen des Kreuzes einen für ihn wichtigen Sieg errungen hatte, also seit dem 4. Jahrhundert, gewannen Kreuzesdarstellungen als Herrschaftszeichen und als sichtbares theologisches Bekenntnis zunehmend an Bedeutung. Eine Darstellung, die mit der Zeit in den Vordergrund rückte, ist der am Kreuz hängende Christus. Darin spiegelt sich u.a. die Auffassungen von Jesu Kreuzestod als stellvertretendes Sühnopfer für die Sünden der Menschen, um sie zu erlösen und Sühne und Opfer an ein Ende zu bringen. Das Kreuz wird zum Heilszeichen.

Ein Bild, das Symbol, hölzern enthält.

KI-generierte Inhalte können fehlerhaft sein.

Listbrücke

Ursymbol und Symbol des Menschseins

Das Kreuz blieb für die frühen kirchlichen Theologen ein Ärgernis. Die Kreuzigung als grausamste Todesstrafe der Antike hat sie gezwungen, im – nicht «wegzubringenden» Kreuz einen tiefer liegenden Sinn zu entdecken. Anhaltspunkte dafür fanden die Interpreten in ihrer kulturellen Umwelt; das Kreuz ist in vielen Kulturen ein Symbol für Leben, für Glück, für Segen, für den Kosmos. Das hat ihnen ermöglicht, das ursprüngliche Folterinstrument auf ein neues Verständnis hin zu öffnen. Entsprechend haben die alten Kirchenväter im Kreuz auch ein Zeichen für die Grundstruktur des Kosmos gesehen. Das Kreuz verbindet in seiner vertikalen Ausrichtung Himmel und Erde; mit seinem Querbalken weist es einerseits feindliche Kräfte zurück, streckt sich aber auch aus zum Nächsten, in die Mitwelt hinein; es verbindet alle Richtungen; und seine Mitte hält alles zusammen.

Dasselbe Grundschema fanden die Kirchenväter auch in der Gestalt des Menschen; dies nicht einmal in erster Linie aufgrund der Körperform, sondern weil das Kreuz ein Bild für die Einheit der Gegensätze darstellt. Der Mensch ist in sich nicht eindeutig, sondern voller Gegensätze und auseinanderstrebender Kräfte. Die Vertikale zeigt das Ausgespannt-Sein des Menschen zwischen Erde und Himmel. Die Horizontale verweist auf die Gegensätze von Liebe und Hass, von Einsamkeit und Gemeinschaft, von Gedanken und Gefühlen, von Leidenschaften und Tugenden, von Leben und Tod. Sie können einen Menschen zerreissen. Der Mensch wird erst dann  ganz Mensch, wenn er ja sagt zu seiner «Kreuzesstruktur». Christus vereint diese Gegensätze in sich. Darum, so meinten die Kirchenväter, weist das Kreuz die Richtung zum wahren Menschsein.

Identitätszeichen

Die Kirchenväter entdeckten das Kreuz auch in der Hebräischen Bibel, im Alten Testament und zwar in der Form des Buchstabens «Taw». Das Taw ist der letzte Buchstabe im hebräischen Alphabet und bedeutet übersetzt «Zeichen». Als letzter Buchstabe steht das Taw für Abschluss, für Vollkommenheit, und als «Zeichen» steht das Taw für Bewahrung, vor allem wenn das Leben an den Abgrund gerät. Im Griechischen wird das hebräische Taw als «T(au)» geschrieben. Darin erkannten die Kirchenväter die Kreuzform. Damals haben sich Christinnen und Christen am Tagesanfang, vor dem Beten und vor dem Essen mit dem T-Zeichen auf die Stirn bekreuzt  – als Symbol des Heils und der Zugehörigkeit zu Christus.

Mahnmal und Protestsymbol

Die Hinrichtung von Jesus war kein Versehen. Solche erniedrigenden Tötungsmethoden haben System, bis heute: Überall dort, wo andere Meinungen und Lebensweisen nichts gelten und unterdrückt werden und wo man bereit ist, zum eigenen Machterhalt über Leichen zu gehen. Das Kreuz als Folterinstrument offenbart bzw. demaskiert die Bosheit, zu der Menschen fähig sind. Es entlarvt das kaltblütige Recht des Stärkeren. Das Kreuz schärft den Blick für Situationen, wo Menschen unschuldig getötet werden oder einem System zum Opfer fallen. In seiner Brutalität wird das Kreuz zum Mahnmal: Gewöhnt euch nicht an das Schreckliche! Findet euch nicht ab mit dem Unrecht in der Welt.

Gleichzeitig wird das Kreuz zum Protestsymbol gegen Leidvergessenheit. Das Kreuz lässt nicht zu, dass wir das Leid der Menschen, ihre Qualen übergehen, übergehen oder verschweigen.

Niemand kommt ohne eigenes oder fremdes Leiden durchs Leben. Wir sind durch das Kreuz herausgefordert und aufgefordert, uns dem Leid zu stellen, uns damit auseinander zu setzen, es nicht auszublenden: sei es Krankheit, Arbeitslosigkeit, Trennung, Allein-Sein, etc.. Wir sind aber auch aufgefordert, dem Leid etwas entgegen zu stellen, es wo nötig anzunehmen und es mitzutragen dort, wo es uns braucht.

Lesepult

Zeichen der Gottsuche

Noch einmal einen anderen Zugang zum Kreuz fand der evangelische Theologe Jürgen Moltmann. Die ganze Brutalität des Kreuzes Jesu kulminiert für ihn in dessen Verlassenheitsschrei: «Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?» (Ps 22) Für Moltmann selber – er hat Jahrgang 1926 – wurde dieser Schrei zum Anfang seines persönlichen Glaubensweges: «Das Wort hat mich in der Verlassenheit eines Kriegsgefangenenlagers 1945 zum Christen gemacht. Ich fand in dem Gekreuzigten den göttlichen Bruder, der mich verstand und mit mir ging. Wo immer ich ein Kruzifix sehe, höre ich diesen Schrei nach Gott, und ich spüre, dass Christus Gottes Nähe in die Abgründe der Gottverlassenheit gebracht hat.»

Im Schrei kommt die Verzweiflung, die Verlassenheit, der Schock, die Qual zum Ausdruck. Wer sich nicht abfinden kann, dass die Mörder über unschuldige Opfer triumphieren, dass das Unrecht siegt, fängt an Fragen nach dem Sinn, aber auch nach möglicher Hoffnung zu stellen. Theologisch gesprochen ist das der Anfang der Gottsuche. Gott suchen heisst, Protest einlegen gegen die Leere, gegen die Hoffnungslosigkeit. Gott suchen heisst, sich nicht damit abfinden, dass der Tod das letzte Wort hat. Gott suchen heisst, der tiefsten Sehnsucht nach Heilsein, nach Liebe, nach Sinnhaftigkeit Raum zu geben. Gott suchen heisst, das eigene Dasein auf etwas gründen wollen, das Boden gibt und Orientierung in der Unendlichkeit des Universums, und das zugleich Weite verheisst in der Enge des eigenen Ichs. In diesem Sinn wird das Kreuz zum Erlösungssymbol: Erlösung hinein in den «Lebensraum» Gottes.
DOWNLOAD