Kirchenbestuhlung

Ein selbstverständliches, viel Raum einnehmendes, ja geradezu das Kirchenschiff ausfüllendes und doch kaum beachtetes Element sind die Kirchenbänke. Der offizielle Name für die Sitzmöbel einer Kirche ist «Kirchengestühl». Bis vor wenigen Jahren herrschte die Meinung vor, die Kirchenbänke seien erst im Zuge der Reformationsbewegung in die Kirchen gekommen, weil seit da das Zuhören im protestantischen Gottesdienst eine zentrale Rolle spielte. Vorher hätte die Gemeinde dem Gottesdienst stehend oder kniend beigewohnt.
Ein Blick in die Geschichte des kirchlichen Sitzens
Sitzplätze für Würdenträger, Zelebranten oder StifterInnen sind seit der Anfangszeit des Kirchenbaus (im 4. Jahrhundert nach Christus) nachgewiesen. Inzwischen gehen neuere Untersuchungen davon aus – zumindest für die Kirchen im Westen, dass es auch für die Kirchenbesucher wahrscheinlich schon immer Sitzgelegenheiten gegeben hatte, zumindest für Frauen und für ältere Personen; nur sind diese Sitzmöbel nicht erhalten.
Für das Spätmittelalter, genauer für das 14. Jahrhundert, lässt sich nachweisen, dass die Sitzplätze reservierbar, ja käuflich und sogar vererbbar waren! Für die Peterskirche in Basel zum Beispiel (wo ich mein Vikariat gemacht habe) sind mehrere Stuhlregister vorhanden, die genau auflisten, wer wo sass und wieviel der Sitzplatz gekostet hat. Unter «Stühlen» sind Bänke zu verstehen, die zum Teil wie Holzlogen oder Holzkasten ausgebaut waren. Je nach Höhe der Wände, war mehr oder weniger von den «Insassen» zu sehen. Die mit den Stühlen verbundenen Einnahmen waren vor der Einführung der Kirchensteuer im 19. Jahrhundert eine wichtige Einnahmequelle der Kirche. Die Sitzordnung spiegelte die Rangordnung der damaligen Gesellschaft. Wer hinter einer Säule sitzen musste, hatte einen sehr niedrigen gesellschaftlichen Status. Für die Zeit vor der Reformation allerdings sind in den Stuhlverzeichnissen der Peterskirche nur Frauen verzeichnet. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Männer während des Gottesdienstes standen oder umhergingen. Offenbar gab es unter den Frauen um die Kirchenstühle immer wieder Streit, was den Gottesdienst erheblich störte. Nach der Reformation mussten oder durften die Männer ebenfalls sitzen und diszipliniert zuhören.
Demokratisierung am Beispiel von Herisau
Mit der Abschaffung der Ständegesellschaft liessen sich auch die alten Bankordnungen in den Kirchen nicht mehr halten. Das zeigt das Beispiel Herisau. In der Gemeindechronik für die Jahre 1879-81 heisst es: «Einen weiteren demokratischen Schritt that die gleiche Behörde [gemeint ist der Gemeinderat] mit der Beseitigung der Kirchenorte (…). Die seiner Zeit für gewisse Familien reservierten Plätze waren anfänglich im Chor der Kirche angebracht; der frische Luftzug der dreissiger Jahre trug sie dann ins Schiff.» (Appenzellisches Jahrbuch Nr. 14, 1882) Mit dem frischen Luftzug ist die revolutionäre Stimmung der 1830er Jahre gemeint; mit den «Kirchenorten» die reservierten Sitzplätze. Letztere blieben allerdings für Hauptleute, Landesbeamten, Gerichtspräsidenten und Mitglieder der Kirchenvorsteherschaft – wenn auch im Schiff – noch bis 1879 reserviert, zum Teil auf Lebenszeit. 1879 entfernte man dann aber die hölzernen Scheidewände, die es offenbar gegeben hatte. Einige wenige Plätze blieben trotz allem noch reserviert.
Das Kirchengestühl von Stein
In der Steiner Kirche sassen während der ersten Jahrhunderte, wie andernorts auch, Frauen und Männer getrennt. Im Chor nahm der Pfarrer und der Mesmer Platz, möglicherweise auch Mitglieder der Kirchenvorsteherschaft. Walter Schläpfer (geb. 1906), Sohn des alt Gemeindeschreibers Albert Schläpfer, notierte in seinen Jugenderinnerungen: «Messmer Langenauer sass während des Gottesdienstes unter dieser Treppe und verliess seinen Platz jeweils vor Beendigung der letzten Strophe des Gemeindegesanges.»
In der Jubiläumsschrift von 1891 – im Rückblick auf 150 Jahre Stein – erfahren wir im Zusammenhang mit der Renovationsgeschichte der Kirche beiläufig etwas über «Weiberstühle»: Da die Kirche von Grubenmann solide gebaut worden war, sei bis 1832 keine grössere Renovation nötig geworden – ausser einigen Reparaturen an den «Weiberstühlen»! (S. 19). Im Jahr 1832, rund 80 Jahre nach dem Kirchenbau, musste die ursprüngliche Bestuhlung einer neuen Platz machen. Möglicherweise hatte der feuchte Boden der alten Bestuhlung zu schaffen gemacht. 1873, diesmal nur 50 Jahre nach der ersten kompletten Auswechslung, beschloss die Kirchhöri, die Bänke unter der Kanzel und auf der Empore zu ersetzen. Im Jahr 1916 dachte man dann über eine Erneuerung der alten Kirchenbänke im Schiffnach; sie stammten ja noch aus dem Jahr 1833. Die Gemeinde gründete hierfür einen Fonds. Allerdings wurden dann andere Neuerungen für dringlicher befunden. In der Gemeindechronik von 1924 heisst es: «Mit dem Kirchenbesuch, der die alten Kirchenstühle zu stark in Anspruch nähme, scheint es nicht zum Besten zu stehen». Also taten die alten Bänke noch für ein paar weitere Jahre ihren stillen Dienst. 1931 war es dann aber soweit. Auch die Bänke von 1833 wurden ersetzt. Sie kosteten insgesamt 16’151 Franken und 35 Rappen.
Im Zuge der Innenrenovation der Kirche zu Beginn der 1980er Jahre hielten die Behörden auch eine Überholung der Kirchenbänke für angezeigt. Die Bänke im Schiff wurden abgelaugt, neu gebeizt und lackiert. Die Bänke auf der Empore, sie stammten ja noch von 1873, mussten ersetzt werden. Walter Müller, derzeit KIVO-Mitglied, war in diese Arbeit involviert gewesen. Die damals Verantwortlichen beschlossen überdies, für den Chorbereich stapelbare Stühle anzuschaffen, da der damalige Pfarrer, Arthur Steiner, die Idee hatte, dass inskünftig «sonntägliche Gottesdienste, Trauungen und Abdankungen im Chor abgehalten werden könnten.» – 2006 schliesslich kamen noch Sitzpolster hinzu (allerdings ohne die Querbänke und ohne Bestuhlung auf der Empore), angefertigt von Fredy Tanner. – So bequem wie heute liess sich in unserer Kirche noch nie sitzen!
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