Ein Ort des Friedens – Predigt bei der Einweihung der Steiner Kirche 1749
«…und richtet unsere Füsse auf den Weg des Friedens» (Lk 1,79)
Als die Kirche «zum Stein» am 28. November 1749 eingeweiht wurde, hielt Dekan Jakob Zähner von Trogen die Einweihungspredigt. Zähner, ein gebürtiger Urnäscher, war ein versöhnlicher Mann. Er sprach damals in eine aufgeheizte Stimmung hinein; die Steiner hatten sich ja erst gerade von Hundwil getrennt, was zu einem schweren Konflikt und auch zu Handgreiflichkeiten geführt hatte.
In dieser fragilen Situation legte Dekan Zähner seiner Ansprache einen Vers aus der Geschichte von Jakobs Traum zu Grunde: «Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.» Was Dekan Zähner motiviert hatte, diesen Satz auszuwählen und was er dazu gesagt hatte, weiss ich nicht. Ich könnte mir aber folgende Beweggründe vorstellen:
Als Jakob von der Himmelsleiter, von einem offenen Himmel träumte, war er auf der Flucht, denn er war schuldig geworden an seinem Zwillingsbruder und an seinem Vater. Seine Zukunft war offen, ungesichert und belastet. In diesem Moment erhellte im Traum ein Lichtfunke sein Leben und gab ihm eine neue (Aus-)Richtung. Gott kam ihm entgegen, versprach ihm Heimat-Land und gab ihm den Auftrag, zum Segen zu werden. Das zugesagte «Land» kann auch im übertragenen Sinn verstanden werden, als neues Lebensland, als Ort des Neuanfangs, der zur Versöhnung führt, was bei Jakob dann auch geschehen ist (1. Mose 33).
Zurück zur Einweihung der Steiner Kirche. Der Kirchenbau ist für die Verbindung mit dem Himmel nur eine äusserliche Ermöglichungshilfe, ein Raum, in dem man sich (ver)sammeln und besinnen kann. Auch wenn man sie meist nur von aussen anschaut, steht die Kirche da als steinerne Zeugin für «das Evangelium vom Frieden» (Eph 6,15). Wir brauchen solche Orte, Gedächtnisorte und Versammlungsorte, in Zeiten wie der gegenwärtigen umso mehr.
Mit der eigenen Kirche haben die BewohnerInnen der unteren Rhode, also die heutigen SteinerInnen, ein Zentrum erhalten, wo sie sich bewusst mit dem Himmel verbinden konnten, einen Ort des Gebetes, der Orientierung, einen Ort der Identitätsstiftung, einen Versammlungsort, der es ihnen ermöglichte, zur Gemeinschaft, zur Dorfgemeinschaft zusammenzuwachsen.
Heilig ist dieser Ort nicht deswegen, weil er geweiht oder sonst besonderer Boden wäre. Heilig, ist dieser Ort, weil da die Sehnsucht nach einem guten Leben für alle ernst genommen wird; heilig ist er, weil da der göttliche Traum Jesu von Humanität, von Gewaltlosigkeit und Mitgefühl wachgehalten und weitererzählt wird. Heilig ist dieser Ort, weil es da eine Gemeinde gibt, die versucht, Gottes Botschaft vom Frieden zu beherzigen und damit das Leben auf einen tragenden Grund zu stellen.
«Kirche» in diesem (übertragenen) Sinn kann überall – in der Familie, am Wirtshaustisch oder in der Schule – «gebaut» und gelebt werden. Dabei passiert immer wieder das Wunder, wie bei Jakob im Traum, dass der Himmel aufgeht und wir Frieden finden. Möge diese Erfahrung je neu lebendig werden, in alle Welt ausströmen und alle Seelen erfüllen.
P.S. Übrigens haben die Steiner im Jahr nach der Einweihungsfeier ihrer Kirche, anno 1750, mit den Hundwilern einen Friedensvertrag geschlossen – und er hält bis heute! Irina Bossart