Der alte Kirchenhimmel: Voller Narzissen

In einem Schlupf wird ein Fragment von der ursprünglichen Holzfelderdecke unserer Kirche aufbewahrt. Das Holzelement misst 143 auf 75 cm und ist auf der Vorderseite in zwei Felder unterteilt. Die Felder sind hellblau grundiert und mit einem dunkelgelben Stern verziert sowie mit noch teilweise sichtbaren «Ilgen».

Wir wissen aus den alten Dokumenten, dass die Kirche anfänglich mit einer so genannten «Himmlete» ausgestattet war. In der Erinnerungsschrift vom 1899 – anlässlich des 150. Geburtstages unserer Kirche und Gemeinde verfasst – heisst es über die Kirchendecke: «Fast am meisten zu reden gab der ‘Himmel’ in der Kirche, ob er ‘geibst’ [?] werden sollte, was 70 fl. weniger gekostet hätte, oder ob man eine bemalte Täferdecke haben wolle. Erst am 2. Heumonat 1749 fällte die Kirchhöri den Entscheid und beschloss einen ‘blablen [blauen] Himmel’ und zwar sollte jede Tafel ‘4 Schu 3 zol 4egig gemacht’, blau angestrichen und mit einem Sternen und 4 Illgen aussgeziret sein glich der im Bühller.» Die Abkürzung «fl» bedeutet übrigens «florenus» und ist die Währungsbezeichnung für Gulden, für eine Goldmünze.

Was sind Ilgen? Ilge, früher auch Ilje ausgesprochen, ist ein alter einheimischer Name für Lilie. Allerdings werden eine ganze Reihe verschiedener Pflanzen als Lilie bzw. Ilge oder auch Gilge bezeichnet, so etwa die Schwertlilie (Iris) oder die Narzisse. Die Ilge wurde häufig Namensgeberin für Gasthäuser, so anzutreffen neben der Kirche in Teufen. Das Wirtshausschild der Ilge in Arnegg oder auch in Vilters zeigen dieselbe stilisierte Lilie, wie sie auf dem Holzfragment dargestellt ist. Der Umstand, dass auf der ehemaligen Holztäferdecke die Ilgen gewissermassen «hors sol» gemalt sind, liess bei mir die Vermutung aufkommen, dass es sich beim Stern möglicherweise ebenfalls um einen Blumen(stern) handelt. In diesem Fall wäre an eine Narzisse zu denken, zumal sie hierzulande ja unter dem Namen Märzenstern bekannt ist und wie das gemalte Exemplar sechs in den Spitz laufende Blütenblätter aufweist. Der schwarze Punkt in der Mittel könnte als offener runder Blütenkelch interpretiert werden.

Die Annahme, dass unsere Altvordern für ihren ersten Kirchenhimmel Märzensterne ausgesucht haben, wäre für Stein überaus passend, da unsere Gemeinde ja weitherum bekannt war für seine zahlreichen Narzissen auf den Wiesen. Im Appenzellischen Jahrbuch von 1924 heisst es: «In seinem Gemeindewappen sollte Stein eigentlich eine Narzisse, im Volksmund ‘Märzenstern’ führen; denn auch durch dieses liebliche Kind der Flora geniesst es einen besonderen Ruhm. Möge nie die Zeit kommen, da sie ausgerottet werden, diese Himmelssterne auf grünen Wiesen.»

Schon früh setzten Bestrebungen ein, die Märzensterne zu schützen. Im Jahrbuch von 1938 heisst es entsprechend: «Im Grunholz sind dank der Zuvorkommenheit einiger Liegenschaftsbesitzer Märzenstern-Reservate geschaffen worden.» Ebendiese Märzenstern-Schutzzonen werden in anderen Quellen auch als «Ilgen-Reservate» betitelt. – Seit 1991 sind die Märzensternwiesen in Ausserrhoden geschützt. Rund sieben Hektar befinden sich auf unserem Gemeindegebiet (kleinere Flächen von je etwa einer Hektare gibt es in Teufen und Walzenhausen), mehr als die Hälfte der betreffenden Steiner Wiesen bewirtschaftet Peter Büchler. «Seinen Narzissen» und der zu ihrem Erhalt nötigen Umgang war im März des letzten Jahres ein Artikel in der Appenzeller Zeitung gewidmet.

Im Zeitungsbeitrag war auch zu lesen, dass das gehäufte Vorkommen der Märzensterne in Stein und Walzenhausen mit den beiden Frauenklöstern Wonnenstein und Grimmenstein zu tun haben könnte. Die Blumen dienten – so die These – der österlichen Dekoration der Kirche und wurden in den Klosterdrogerien zu medizinischen Zwecken verarbeitet. – Wie auch immer: Ich find’s schön, dass in unserer Kirche, wenn auch im Verborgenen, an die Pracht der Himmelssterne erinnert wird, seien sie nun droben im Himmel oder drunten auf der Erde.
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