Die drei Uhren

Kirche und Uhr gehören seit jeher zusammen. Die Stundenzählung wurde vom Mönchtum eingeführt. In der Mönchsbewegung hatte sich – gestützt auf die Bibel – von Anfang an die Verpflichtung zu festen Gebetszeiten entwickelt (vgl. Ps 119, 164). Es genügte bei dieser regulierten Lebensweise nicht mehr, den Hahn in der Frühe krähen zu hören und mit der Sonne ins Bett zu gehen. Seit dem 7. Jahrhundert sind in Klöstern Sonnen-, Wasser- und Kerzenuhren bezeugt und seit dem Ende des 13. Jahrhunderts erste Räderuhren, um das pünktliche Gebet zu fördern. Die andern Kirchen – und auch Rathäuser – übernahmen später die Räderuhren.
Unsere Steiner Kirche besitzt drei verschiedene Uhren: Die Turmuhr mit Zifferblättern auf allen vier Seiten des Kirchturms, die Uhr im Scheitel des Chores im Innern der Kirche und die Sonnenuhr auf der Südseite des Kirchenschiffs gegen das Pfarrhaus hin.



Turmuhr Choruhr Sonnenuhr
Die Sonnenuhr wurde im Zuge der Aussenrenovation der Kirche vom Kunstmaler Hans Schaad von Eglisau neu gestaltet. Sie zeigt eine lachende Sonne, darunter steht die Inschrift «Anno Dom(ini) MCMLXX» – übersetzt: im Jahre des Herrn 1970. Hans Schaad ist übrigens der Grossvater des Karikaturisten Felix Schaad, der regelmässig für den Zürcher «Tages Anzeiger» träfe Zeichnungen als Kommentar zum Zeitgeschehen malt. Die Sonnenuhr zeigt – bei schönem Wetter – die Uhrzeit des Tages an; die Stunden sind mit römischen Zahlen markiert, von links nach rechts gelesen: 6,7,8,9,10,11,12,1,2 und 3. Neben dem Stundenlauf erinnern die Sternzeichen an den Kreis der zwölf Monate. Sie sind mit ihren Symbolzeichen ins Wandbild eingetragen; wiederum von links nach rechts gelesen: Steinbock, Wassermann, Fisch, Widder, Stier, Zwilling, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion und Schütze. Sonnenuhren sind seit der Antike in Gebrauch.
Die Turmuhr gehört seit ihrem Bau zu unserer Kirche. Sie wird seit 1997 von der Firma Kirchturmtechnik Muff AG im luzernischen Triengen betreut. Damals hatte die Firma die Uhren elektrifiziert (wie bereits 1971 die Glocken). Vorher war die Uhrenfabrik Mäder in Andelfingen AG zuständig. Sie hatte 1962 im Auftrag unserer Kirchgemeinde eine neue Uhren-Mechanik eingebaut, ein Aufzugs-System, so dass eine elektromechanische Betreibung möglich geworden war. Der alte Uhrenkasten steht noch als museales Stück und Zeitzeuge im Kirchturm. Über die Vorgänger-Uhren, die zweifellos vorhanden waren, habe ich bis jetzt keine Angaben gefunden. Auf den Zifferblättern ist – wie bei andern Turmuhren auch – die römische Zahl vier als «IIII» dargestellt und nicht wie eigentlich zu erwarten wäre als «IV». Diese ‚falsche’ Darstellung wird aus Symmetriegründen gewählt. Mit der «IIII» entsteht optisch ein Gegengewicht zur gegenüberliegenden «VIII». Zudem kommen so alle verwendeten Zahlenarten gleich oft vor, je vier Strich-, V- und X-Zahlen.
Die in Blumen und Blätter eingebettete Uhr im Scheitel des Chors hoch über der Orgel setzt einen besonderen gestalterischen Akzent im Kircheninnern. Möglicherweise wurde sie erst bei der Kirchenrenovation von 1832 eingebaut. Sie ist im Sinne der spätbarocken Symbolik als Zeichen menschlicher Vergänglichkeit zu deuten (vgl. z.B. Prediger 3), wiewohl sie heute vermutlich eher dazu dient zu schauen, wie lange der Gottesdienst (noch) dauert!
Mit dem Aufkommen bzw. der Verbreitung der Räderuhr im 14. Jahrhundert wird die Zeit unabhängig von der Sonne und von den Gestirnen. Von nun an wurden Tag und Nacht in 24 gleich lange Stunden eingeteilt. Bei der Sonnenuhr waren die Stunden im Sommer- und im Winterhalbjahr nicht gleich lang, da man hatte die Tageslänge von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in zwölf Stunden-Einheiten unterteilt hatte. Allerdings waren früher für die meisten Menschen nicht die Stunden, sondern der Lauf der Gestirne, die Arbeiten im Jahreslauf und vor allem das Kirchenjahr die massgeblichen Grössen für die Zeitwahrnehmung. Doch mit der Räderuhr begann die Zeit buchstäblich zu ticken und sie wurde exakt kalkulierbar. Diese Umstellung in der Zeitwahrnehmung fällt zusammen mit den grossen Pestepidemien im 14. Jahrhundert. Das grosse Sterben in Europa bewirkte einen Perspektivenwechsel: Nicht mehr das Jenseits, die Ewigkeit, stand fortan im Zentrum des menschlichen Lebenssinns, sondern das Diesseits, das Leben im Hier und Jetzt. Der Tod galt nicht länger als Übergang zum ‚wirklichen’ Leben bei Gott, sondern als endgültiges Lebensende. Der Perspektivenwechsel hatte zwei Entwicklungen zur Folge: Zum einen das Bemühen, das Leben abzusichern bzw. die Lebenszeit zu verlängern; zum andern eine Beschleunigung des Lebenstempos angesichts der zerrinnenden Zeit und der unerträglichen Kluft zwischen den unendlichen Möglichkeiten, die die Welt bereithält, und der kläglichen Lebensspanne, die dem Einzelnen zur Verfügung steht. Doch wir haben immer noch die Wahl: Entweder lassen wir uns von der vergehenden Zeit tyrannisieren oder wir nehmen den Stundenschlag als kurze Verschnaufpause und Zwischenhalt im ständigen Fluss des Tagesgeschäfts.
Irina Bossart
Nachtrag: Auf alten Fotos lässt sich erkennen, dass an der Kanzel früher eine Sanduhr angebracht war. Sie gab den zeitlichen Rahmen für die Predigt vor. Schöne Beispiele von Kanzel-Sanduhren sind im bernischen Kirchlein Würzbrunnen zu bewundern oder im Zwingli-Haus (Museum) in Wildhaus.



Chorraum vor der Umgestaltung in den 1980er Jahren. Rechts: Sanduhr
